Nyepi: das balinesische Neujahr


Aktuell erlebt die ganze Welt, was es bedeutet, in den Shutdown-Modus zu fahren. Cafés und Restaurants schließen, Parks schließen, Einrichtungen des alltägliches Lebens schließen. Teilweise werden Ausgangssperren verhängt. Das Leben entschleunigt sich.


Was für viele von uns komplett neu und herausfordernd ist, gehört auf Bali seit jeher zur Tradition. Einmal im Jahr erlebt die komplette Insel einen Shutdown. Alle Lokale sind geschlossen, der Flugverkehr wird eingestellt und selbst das mobile Internet wird abgeschaltet. Den Menschen ist es untersagt, ihr Haus bzw. Grundstück zu verlassen. Wer nicht in der Tourismusbranche arbeitet, verzichtet mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar auf Strom.



Wir hatten auf unserer Reise das Glück, diesen Tag, das Balinesische Neujahr Nyepi, hautnah miterleben zu dürfen. Die  Erfahrung war für uns einmalig.
Auch heute begrüßen die Bewohnerinnen und Bewohner Balis das neue Jahr – leider aufgrund des Coronavirus teilweise mit erheblichen Einschränkungen.

Aus diesem Grund wollen wir euch gedanklich mit auf eine Erinnerungsreise an diesen wundervollen Ort nehmen.

balinese backyard

Hintergrund: Was ist Nyepi?

Nyepi ist der balinesische Neujahrstag und der Tag der Stille. Er fällt auf den Tag nach dem Neumond der Tag und Nacht-Gleiche, findet also immer zu unterschiedlichen Daten statt. Als wir auf Bali waren, war es der 07.03.2019, in diesem Jahr fällt der Hari Raya Nyepi-Feiertag auf den 25.03.2020. 

Eigentlich beginnen die Festtage jedoch schon einige Tage früher, mit „Melasti“. Hier versammeln sich die Bewohner*innen des Dorfes zunächst an den Tempeln, um dann in einer Parade mit Musik und Kostümen heilige Objekte aus den religiösen Bauten zur nächsten Wasserstelle, häufig also dem Meer, zu bringen. Dort werden Sie in einem Ritual durch den Wassergott Baruna gereinigt.

Am Tag vor Nyepi findet dann ebenfalls eine große Parade statt. Die umliegenden Dörfer einer Gemeinde bringen am Abend unter lauter Musik ihre wochenlang vorbereiteten, furchteinflößenden ogoh ogohs zu einem großen Gemeinschaftsplatz oder einer großen Hauptstraße. Diese sind dazu auf großen Bambusgestellen platziert, die von zahlreichen Männern getragen werden. Am Treffpunkt angekommen werden diese monsterähnlichen Figuren zusammen mit traditionellen Tanzaufführungen einem großen Publikum aus Einheimischen und Touristen präsentiert. Am Ende der Nacht werden die Figuren verbrannt, bevor alle Bewohner und Reisenden sich für 24 Stunden zurückziehen und den Tag der Stille zelebrieren.

Das Ziel dieser Zeremonie ist es, böse Geister zu verschrecken und von der Insel zu vertreiben.

ogoh ogoh in bali nyepi
Ogoh ogoh


Der Tag der Stille


Doch warum dann der Tag der Stille?

Hier soll eventuell verbleibenden Geistern suggeriert werden, dass die Insel ausgestorben sei. Kein Licht, kein offenes Feuer, keine Musik, keine Arbeit. Das mobile Internet ist abgeschaltet, auch Geldautomaten funktionieren nicht. Sollte jetzt noch immer ein böser Geist auf der Insel herumirren, soll dieser das Interesse verlieren und spätestens am Tag der Stille verschwinden.

Übrigens: Die Einhaltung dieser Regeln wird tatsächlich von der Tempelpolizei (erkennbar an den schwarz-weiß karierten Sarongs) überprüft. Weniger touristische Gegenden sind dabei wesentlich strenger als zum Beispiel Seminyak oder Kuta. Hier gibt es für Touristen sogar spezielle Nyepi-Packages, bei denen Hotels ihren Gästen ein besonderes Entertainment bieten, damit diese sich auch an Nyepi nicht langweilen.

Den Bewohnerinnen und Bewohnern Balis sowie den interessierten Reisenden bietet der Tag jedoch die ganz besondere Möglichkeit, einmal in sich zu gehen und sich selbst zu reflektieren. In einer immer schnelllebigeren Welt bringt Nyepi ein bisschen Ursprüngliches zurück: Was tun wir, wenn all die mediale Ablenkung wegfällt? Was tun wir, wenn wir uns ganz auf uns selbst konzentrieren müssen? Viele Balinesen und Balinesinnen schweigen sogar den gesamten Tag über, meditieren und lassen die Stille auf sich wirken.

Unsere Nyepi-Erfahrungen auf Bali


Schon bereits bei unserer Ankunft, zwei Wochen vor Nyepi, deutete vieles auf die bevorstehenden Feiertage hin. Jede freie Minute verbrachten die Einwohnerinnen und Einwohner der Insel damit, im Geheimen an ihren ogoh ogohs zu werkeln. Hinter Vorhängen und Gerüsten wurden die beeindruckenden Figuren gestaltet. Vor dem jeweiligen Bauplatz wies eine Spendentafel darauf hin, wer zur erfolgreichen Realisierung des Projektes finanziell beigetragen hatte. Ganz wichtig war dabei, dass niemand aus den Nachbarorten den ogoh ogoh zu Gesicht bekam. Schließlich sollte es keine Nachahmer geben und außerdem sollte der größte, imposanteste ogoh ogoh natürlich der eigenen Gemeinde gehören.

ogoh ogoh in bali nyepi
Nach der Zeremonie finden Sich einige Figuren, die nicht verbrannt wurden, am Straßenrand




Die Zeit vor Nyepi verbrachten wir unter anderem auf Nusa Penida. Hier wurden wir Zeuge beeindruckender Melasti-Umzüge und einer feierlichen Stimmung auf der gesamten Insel.



Ein Melastiumzug auf Nusa Penida




Leider konnten wir daran nur bedingt teilnehmen, da Bertal sich eine schwere Ohrenentzündung in beiden Ohren zugezogen hatte. Das bedeutete für uns: Schnellstmöglich zurück nach Bali, um dort einen HNO-Arzt aufzusuchen, den es auf Nusa Penida leider nicht gab. Die Tage zwischen Melasti und Nyepi verbrachte Bertal dann auch meistens schlafend in unserer Unterkunft in Pererenan.

So verbrachten wir Nyepi


Eigentlich hatten wir geplant, den Tag der Stille selbst in einer kleinen balinesischen Villa mit Pool in der Nähe von Canggu zu verbringen. Da Bertal aber aufgrund seiner Entzündung jeden Kontakt mit Wasser meiden musste, entschlossen wir uns dazu, die Unterkunft zu stornieren. Stattdessen hatten wir vor, bei unserem Gastgeber Putu zu bleiben. Putus Frau Dayu hatte Bertal während der schlimmsten Tage seiner Krankheit mit frisch gekochtem Reisporridge und Tee versorgt.

boy eating rice porridge
Reisporridge für Bertal


Leider war der kleine Homestay aber während der Feiertage ausgebucht. Doch die Gastfreundschaft unserer Hostfamilie kannte keine Grenzen: Kurzerhand richtete Putus Frau das private Gästezimmer für uns her. Hier würden wir noch die nächsten Tage bleiben, bis es Bertal wieder gut gehen würde und wir bereit waren, weiterzureisen.

Schon bereits am Morgen des Tages vor Nyepi hatte uns Putu, unser Gastgeber, darauf hingewiesen, dass wir unbedingt am Abend auf den nahegelegenen Fußballplatz kommen sollten. Er selbst hatte am Bau des ogoh ogohs, der ganz in der Nähe unserer Unterkunft fertiggestellt wurde, teilgenommen und freute sich sichtlich auf die Feier.

Also machten wir uns am Abend auf den Weg zu besagtem Platz. Wir waren um 18.30 Uhr natürlich viel zu früh da und warteten bestimmt 1,5 Stunden, bis wir weit entfernt die Klänge des herannahenden Umzugs hörten. Als die Gruppen den Platz dann endlich erreichten, war es ein beeindruckendes Bild. Leuchtende ogoh ogohs, Fackeln, Tänzer und Tänzerinnen in beeindruckenden Kostümen. Bis spät in die Nacht führten die einzelnen Dorfgemeinschaften Tänze auf und präsentierten stolz ihre wirklich eindrucksvollen Figuren.



Wir konnten wegen Bertals Ohrenentzündung leider nicht die ganze Nacht bleiben, waren aber froh über jede Sekunde, die wir an diesem Spektakel teilnehmen konnten. Es war wirklich eine einzigartige Stimmung und wir können jedem empfehlen, über Nyepi nach Bali zu reisen. 

Als wir unseren Roller von dem bei unserer Ankunft menschenleeren Parkplatz holen wollten, war der inzwischen so voll geworden, dass uns mehrere Balinesen dabei helfen mussten, ganze Reihen von Rollern aus dem Weg zu räumen, damit wir mit unserem Scooter überhaupt durchkamen. Die Menschen feierten fröhlich zusammen und außer uns war zu diesem Zeitpunkt niemand mehr auf den sonst so vollen Straßen. 


Shutdown für einen Tag

Der nächste Tag begann für uns mit Ausschlafen. Wir hatten uns mit Büchern bewaffnet und mit zahlreichen Snacks eingedeckt, aber trotzdem waren wir gespannt, wie uns der Tag ohne Musik, draußen Essen, Internet und sonstige normale Annehmlichkeiten gefallen würde.

Zumindest machte das Wetter es uns leicht: Es regnete den kompletten Tag. Während unserer gesamten Reise hat es sonst an keinem anderen Tag durchgehend und so stark geregnet. Wir lasen also, schliefen, aßen unglaubliche Mengen an ungesunden Snacks und lagen einfach nur rum. Am Nachmittag brachte uns Putu Papaya und kleine, in Bananenblätter gewickelte Reiskuchen, die seine Frau für uns gemacht hatte.

Insbesondere für Bertals Gesundheit, aber auch für mich, war dieser Tag eine absolute Erholung. Nachdem wir die ersten zwei Wochen unserer Reise immer zwischen vier und fünf Uhr aufgestanden und den ganzen Tag unterwegs gewesen waren, kam diese Zwangspause gerade richtig. Nach diesem Tag besserte sich Bertals Entzündung stetig, sodass wir unsere Reise bald fortsetzen konnten. Am schwersten fiel uns dabei der Abschied von Putu und seiner Familie. Wir wurden hier so herzlich aufgenommen und haben so viel Gastfreundschaft erfahren, dass wir auch die kompletten vier Wochen unseres Indonesien-Trips hier hätten verbringen können. Wir kommen ganz bestimmt wieder – dann garantiert zu Nyepi und mit gesunden Ohren.


ogoh ogoh in bali nyepi

Habt ihr Fragen zu einer unserer Reisen oder möchtet ihr Genaueres erfahren? Habt ihr vielleicht einen noch besseren Tipp? Dann schreibt uns einen Kommentar oder eine Mail an kontakt@sofarawayfromberlin.de

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